Kommentar von Gerd Heistermann: Wenn das Hamsterrad sein Tempo verliert

Oft beklagen wir das Gerenne im Hamsterrad. Aber rausfallen, dass wollen wir auf keinen Fall! Und wir rennen notfalls noch etwas schneller.

Plötzlich bremst sich eine ganze Gesellschaft runter. Kein festliches Essengehen und fröhliche Veranstaltungen mehr. Auch private Feiern sind nicht erlaubt. Die Schnäppchenjagd ist abgesagt. Nur noch das Notwendigste darf eingekauft werden. Regierungen muten uns rabiate Beschränkungen zu und Krankenhäuser rüsten sich für einen Ansturm von Patienten mit verklebten Lungen, die ohne künstliche Beatmung sterben werden.

Weil sich Reserven ökonomisch nicht rechnen, gibt es zu wenig Notfallplätze. Betten und Personal reichen gerade für den Normalfall aus. Der Ausnahmefall ist ökonomisch nicht vorgesehen. Zugleich schränkt sich die große Mehrheit der Menschen ein und verzichtet aufs gemeinsame Ausgehen. Wir tun das, um einige Zehntausend Menschenleben zu retten. Sie sind es uns wert. Und das ist gut so. Aber wie lange halten wir und die Wirtschaft das aus?

Schon jetzt wetten Hedge Fonds auf einen Crash in Europa. Wenn es so kommt, werden einige große Gewinne machen, und wenn die Blase platzt, werden wieder wir Bürger zahlen müssen, und zwar diesmal richtig viel. Wie lange können wir uns ein System leisten, von dem wenige profitieren und die Gemeinschaft die Zeche zahlt? Und welches Menschlichkeit bestraft?

Was zuvor undenkbar erschien, ist plötzlich möglich und machbar: ein einfacheres Leben. Niemand wird künftig mehr sagen können, dass es nicht geht. Wenn, dann wollen wir es nur nicht, z.B. um das Klima zu bewahren. Unsere Mitmenschen sind uns wertvoll geworden, wenn es drauf ankommt, und dazu gehören die Älteren ebenso wie die Heranwachsenden, die den drohenden Klimakollaps noch erleben werden, wenn wir nichts dagegen tun.

Wie sagte Helmuth Schmidt: „In der Krise beweist sich der Charakter“. Nach und nach entdeckt dabei jeder für sich, das nicht zur zählt, was man zählen, herstellen und kaufen kann. Die einen kämpfen um Menschenleben, andere um Klopapier oder feiern Coronapartys. Jeder darf sich jetzt entscheiden, wer er selbst und was er für den anderen sein will. Nehmen Sie sich genug Zeit, das herauszufinden. Die ehrliche Antwort wird ihnen ihr Herz geben.

 

Foto: © René Golz

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