Schnelles Internet in Hamm Mangelware – politische Fehlentscheidung

Wenn ich mit meiner zehnjährigen Tochter eine Fahrradtour unternehme, empfindet sie eine Geschwindigkeit von 20 km/h als rasant, für mich ist diese Geschwindigkeit normal.

Genauso verhält es sich mit dem Internet. Eine Netzgeschwindigkeit von 50 Megabits pro Sekunde empfindet ein Surfer im Singelhaushalt als schnell, in einer Familie mit zwei Kindern, die über das Internet Videodienste streamen bieten 50 MBit/s ausreichendes Potenzial für einen handfesten Familienstreit.

Wir müssen zwischen „gefühltem“ und „echtem“ Breitband unterscheiden.

Wie definiert man „schnelles Internet“? Eine allgemeine Definition existiert nicht. Die ITU (International Telecommunication Union) spricht zum Beispiel schon ab 2 MBit/s von einer Breitbandverbindung. Diese Geschwindigkeit liegt heute weit unter den Ansprüchen an eine schnelle Internetverbindung. Letztendlich definiert jeder Nutzer eine Leitungsgeschwindigkeit nach seinen persönlichen Ansprüchen und empfindet sie nach seinem Gefühl.

Die Ansprüche wachsen rasant

Durch stetig wachsende Online-Angebote und Technologien wächst der Anspruch an schnelle und stabile Internetverbindungen rasant. Heute telefonieren wir über das Internet, nutzen Streamingdienste wie z. B. Netflix, Amazon Prime und Magenta, führen Videotelefonate im privaten und geschäftlichen Bereich und steuern Geräte über das weltweite Datennetz.

Möglich ist dies durch verschiedene Breitbandtechnologien wie xDSL, Kabel, Satellit und Glasfaser. Eine Übersicht und Erklärung findet man auf der Website gigabit.nrw.de (https://www.gigabit.nrw.de/infocenter/breitbandtechnologien.html).

Neben der Anforderung an die Internetgeschwindigkeit steigen auch die Ansprüche an die Leitungsstabilität der Verbindung. Neueste Techniken aus den Bereichen Smart-Home, Smart-Meter, Industrie 4.0 und E-Health steuern Geräte und Maschinen über das weltweite Datennetz.

Zukünftig werden wir länger selbstbestimmt Zuhause leben können. Ermöglicht wird dies durch eine permanente Überwachung des Gesundheitszustands per Datenleitung. Die hierfür eingesetzten Monitoringsysteme liefern den Ärzten Vitalwerte und alarmieren sie bei Einsetzen einer Komplikation. Ohne eine höchst zuverlässige Onlineverbindung ist eine solche Technologie unbrauchbar.

Technologie entscheidet über Stabilität

Das heute als Glasfaser oder Breitband bezeichnete Übertragungsmedium ist nur eine Brückentechnologie. Bei der aktuellen VDSL-Technik reicht die Glasfaser nur bis zum Verteilerkasten auf dem Bürgersteig. Von dort aus verzweigen alte Kupferkabel in die Straßen und Haushalte. Auch wenn die volle Geschwindigkeit am Verteilerkasten ankommt, erreicht nur ein Bruchteil der Geschwindigkeit die Haushalte per elektronischem Signal. Sind mehrere Haushalte an einen Kabelstrang angeschlossen, teilen sich diese die Geschwindigkeit des Kabelstrangs.

Anders sieht es bei einer direkten Glasfaserverbindung aus. Reicht die Glasfaser bis ins Haus (FTTB – fiber to the building) oder bis in die Wohnung (FTTH – fiber to the home) erreicht das Internetsignal per Lichtgeschwindigkeit sein Ziel.

Die maximale Geschwindigkeit hängt vom Übertragungsmedium ab. Kupferkabel übertragen elektronische Signale wesentlich langsamer als Glasfaserkabel, bei der die Daten mit Lichtgeschwindigkeit transportiert werden. Die Übertragungsrate von Kupfer liegt bei bis zu 300 MBit/s, die Glasfaser transportiert technisch unbegrenzt, aber i.d.R. mit 1 GBit/s.

Anders als das elektronisch getriebene und über Kupferkabel ausgelieferte xDSL-Signal ist ein per Lichtgeschwindigkeit versandtes Glasfasersignal nicht nur schneller, sondern auch stabiler. Somit ist die direkte Glasfaseranbindung die Basis für zukünftige Technologien.

Geschwindigkeit ist nicht gleich Geschwindigkeit

Nicht nur die Bandbreite in MBit/s sondern auch die Antwortzeiten (Latenz/Ping) bestimmen die Internetgeschwindigkeit. Internetdaten werden in kleinen Paketen durch die Leitungen gejagt. Hierbei kommunizieren der sendende und empfangende Server und prüfen, ob die Daten vollständig und korrekt übertragen wurden. Die Latenzzeit gibt an, wie lange eine solche Kommunikation dauert. Je länger der Zeitraum, desto länger dauert die gesamte Datenübertragung. Hier eine Übersicht über die Latenzzeiten in Millisekunden: DSL: 40 – 50 ms, Kabel: 20 – 25 ms, LTE: 20 – 30 ms, VDSL: 15 – 20 ms, Glasfaser: 5 – 10 ms.

 

Kommentar von Thomas Reimann:

Wenn in Hamm heute von „schnellem Internet“ gesprochen wird, ist i.d.R. die VDSL-Technologie gemeint. Die politische Entscheidung, Hamm bis Ende 2015 durch die Deutsche Telekom per VDSL ausbauen zu lassen, ermöglichte zwar kurzfristige Breitbanderfolge, hat aber mittelfristig den politischen Druck auf einen echten Glasfaserausbau verhindert.

Und das, obwohl die städtische Stadtwerke-Tochter HeLi NET mit ihrem Projekt City 2020 vor rund 10 Jahren den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Plan war es, Hamm bis zum Jahr 2020 flächendeckend mit einem Glasfasernetz auszubauen. Wäre dieses Projekt erfolgreich realisiert worden, wäre Hamm zu den Top-Standorten in NRW avanciert mit besten Möglichkeiten für Unternehmen, Startups und gut bezahlte Arbeitsplätze.

Die Stadtwerke Hamm sind als hiesige Infrastrukturanbieter mit ihren Leitungsnetzen Gas, Wasser und Strom verantwortlicher Versorger. Die Relevanz für das Leitungsnetz „Daten“ als Transportmittel für den „Rohstoff der Zukunft“ wurde bis heute verkannt. Während andere Kommunuen, wie z. B. die kleine münsterländische Gemeinde “Senden” – bereits über ein flächendeckendes Glasfasernetz verfügen, hinkt Hamm hinterher. Sowohl ein Glasfasernetz als auch ein Netzwerk aus Leerrohren unter den Bürgersteigen ist bis heute nicht in Aussicht und durch die fatale politische Fehlentscheidung zugunsten der Brückentechnologie “VDSL” wohl auch in naher Zukunft nicht zu erwarten.

 

Foto © Herb, AdobeStock

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