Bund lässt nach neuen Methoden zur Betäubung von Schweinen forschen

Wird unser Schweinefleisch teurer?

Die in der breiten Öffentlichkeit bekannte Elektrozangen-Betäubung von Schweinen im Schlachthof ist seit langem ein Relikt aus der Vorzeit. Schon seit fast zwei Jahrzehnten abgelöst durch vollautomatische Betäubungsverfahren. Gerade die Betäubung mit der Einzelzange barg auch die höchste Quote an Fehlbetäubungen.

Mittlerweile sind jedoch alle elektrischen Betäubungsverfahren die Ausnahme. Zu 90 %, was ca. 40 Millionen Tiere bedeutet, werden deutsche Schweine mit CO2-Gas betäubt.

Vor 2010 gab es vereinzelte Schlachthöfe in Europa, auch in Deutschland, die das Verfahren der CO2-Betäubung angewendet haben. Damals schon von Tierschutzverbänden, Veterinären und Wissenschaftlern stark kritisiert.

Das Verfahren ist ebenso einfach wie auch kostengünstig:  Die Schweine werden zu mehreren Tieren in eine Gondel getrieben, die dann quasi wie ein Fahrstuhl in eine Grube fährt. Im Inneren dieses Schachtes herrscht eine rund 90-prozentige CO2-Konzentration. Da Kohlendioxid schwerer ist als Luft, sammelt sich das Gas am Boden der Grube. Nach etwa 100 Sekunden fährt die Gondel wieder hinauf.

Was beim anschließenden Auswurf der betäubten Tiere sauber aussieht, entpuppt sich im Inneren des Schachtes als ein heiß diskutiertes Thema. CO2 ist ein stark reizendes Gas. Die Betäubung tritt nicht sofort ein, sondern erst nach 20, bzw. nach neuesten Erkenntnissen erst nach 60 Sekunden. Bis dahin leiden die Schweine unter Atemnot, Hyperventilation und Verbrennungen der Mund- und Nasenschleimhäute. Sie zeigen starke Abwehrreaktionen, panikartige Fluchtversuche und äußern schrille Schreie.

Die BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Fleischhygiene, Tierschutz und Verbraucherschutz) bezog klar Stellung zu dieser Art der Betäubung:

„Das Schwein leidet ca. 20 Sekunden unter einem ausgeprägten Atemnotsyndrom. CO2 reizt stark die Atemwege und verdrängt in den Lungenbläschen den Sauerstoff. Das Tier nimmt dieses deutlich als Ersticken war. (Siehe Video YouTube https://www.youtube.com/watch?v=QimwUmvF6aQ&t=15s .  Das ist der größtmögliche Stress, Angst und Schmerz, den man anhand der bis zur 1000-fachen Ausschüttung von Stresshormonen im Blut des Tieres nachweisen konnte.“

Ähnlich äußerte sich die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht (DJGT):

„Die Praxis der CO2-Betäubung verstößt gegen das deutsche Tierschutzgesetz. In ihm ist es verboten, Tiere ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Rein wirtschaftliche Erwägungen können kein Grund für das Leiden der Tiere unter CO2 sein.“

Wider Erwarten wurde diese Gasbetäubung trotz gegensätzlicher Gutachten im Jahr 2009 von der EU legalisiert. Und zwar genau aus dem selben Grund: Wirtschaftliche Aspekte waren ausschlaggebend. Der Personalaufwand ist minimiert, ein Grund mit für den massiven Preisverfall bei Schweinefleisch.

Die EU stellte jedoch eine Bedingung: Es müsse dringend nach Alternativen geforscht werden.

Seit dem gab es vereinzelte Forschungsprojekte mit anderen Gasen oder auch Stickstoffschaum. Erfolgreiche Versuche im Jahr 2014 mit Helium und Argon wurden nicht in die Praxis umgesetzt. Grund: Man hatte rote Flecken im Schinken entdeckt.

Mittlerweile ist der Druck von Verbänden und Wissenschaftlern nach neuen Methoden zu suchen wieder gewachsen.

Und die Politik hat reagiert. Das Friedrich-Löffler-Institiut, eine Forschungseinrichtung des Bundes,  beginnt im Mai mit einem neuen Forschungsprojekt zur Gasbetäubung von Schweinen. Abermals mit dem Edelgas Argon.

Der Vorteil von Argon: das Schwein nimmt es nicht als reizendes Gas wahr.

Der Nachteil: ist nur ein Nachteil im Preis. Bei Umsetzung in die gängige Praxis wird es zu einer Verteuerung von Schweinefleisch kommen. Im ganzen Produktionsprozess von der Schlachtung, über Zerlegung bis zum Markthandel, wird es wahrscheinlich der Verbraucher allerdings nur in winzigen Cent-Beträgen merken.

Das Forschungsprojekt ist angelegt auf einen Zeitraum von 4 Jahren, beginnend im Mai 2020.

Zeitgleich und nichtsdestotrotz zu dem Forschungsprojekt baut Tönnies in Rheda-Wiedenbrück seine dritte CO2-Anlage auf.

Bisherige Schlachtleistung 24.000 Schweine pro Tag. Nach Fertigstellung 36.000 Schweine unter CO2-Betäubung.

 

 

Foto: © davit85, AdobeStock

Wolfgang Große-Westermann
Author: Wolfgang Große-Westermann

Als Hammer Junge engagiert sich Wolfgang Große-Westermann seit 1980 im Pressewesen. Seinen Schwerpunkt setzt der Journalist auf investigativ, kritisch und recherchehaltig.

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